Zuchthaus Naumburg

ERINNERUNGSORT NAUMBURG

 

Ich bin täglich an dem Gefängnis in Naumburg vorbei gefahren und habe nicht gewußt, noch geahnt, was hinter diesen Mauern geschehen ist.“

 

Der ehemalige politische Häftling Michael Naue blickt auf seine Zeit zurück, die er in der ehemaligen Justizvollzugsanstalt in Naumburg verbringen mußte. Anlass ist ein Besuch in der Justizvollzugsanstalt zur Gründung einer Erinnerungs-Initiative.

Viele Jahre habe ich nicht gewusst, wie schön die Stadt und die Umgebung von Naumburg sind. Als Dampflokheizer und Gleisbauer in der DDR kam ich immerhin bis Halle. Aber diese Vergangenheit hatte eher mit Ruß und Stahl zu tun. Vor fast 32 Jahren, im April 1984, wurde ich inmitten der Stadt Naumburg von Major Döhler, dem damaligen Leiter des Strafvollzugs, begrüßt. Im Zuchthaus am Salztor waren in den 1980er-Jahren neben kriminellen überwiegend politische Gefangene eingesperrt. Anfänglich wusste ich nicht, dass ich in Naumburg war.

In einem kleinen Kastenwagen, aus dem ich nicht rausschauen konnte, kam ich dorthin. Mit Handschellen und Fußschellen. An den Fenstern des Zuchthauses befanden sich Sichtblenden, so dass man nicht hinaussehen konnte. Mit meinen gerade mal 20 Jahren fiel es mir schwer, den Begrüßungsworten des Majors zu folgen. Mir saßen noch die Schrecken der Stasi-U-Haft in den Gliedern. Vier Monate fast jeden Tag mehrere stundenlange Verhöre, Schlafentzug, Gummizelle sowie Verhaftungen meiner Verwandten um mich gefügig zu machen.

Was wollte nun dieser Strafvollzugsleiter Major Döhler mit meinem Leben anstellen?

Ich musste nicht lange auf seine Erklärung warten: Von Entpersonifizieren sprach er und davon, dass das, was die Stasi mit mir gemacht hatte, ein Scheißdreck wäre. Isolationshaft, Karzer, Schlafentzug könnte ich auch in Naumburg haben. Brechen wollte er mich. Keine Medikamente, keine Besuche, Kettenarrestzelle, Prügel. Wenn ich dann ein sabberndes Arschloch wäre, so sagte mir Döhler, gebe er sein Okay für meine Entlassung in den Westen. Da würde ich dann gewiss untergehen.

Von den Erfahrungen nicht erholt!

Natürlich wusste ich zu diesem Zeitpunkt nicht, dass der Vollzugsleiter keinen Einfluss auf meine Entlassung haben würde. Heutzutage sage ich mir oft: Major Döhler sollte an meiner Person nicht Recht behalten haben. Aber zwei meiner Freunde aus dieser Zeit sind seit ihrer Entlassung Invalidenrentner. Pflegefälle. Sie haben sich nicht von den Hafterfahrungen erholt. Physisch und psychisch gefoltert, hat sie die DDR an die Bundesrepublik verkauft. Dort konnten sie kein neues Leben beginnen. Viele andere mussten jahrelang therapeutisch betreut werden. Die meisten tragen ihre Verletzungen für immer in ihrer Seele. Mit absoluter Willkür, Amtsmissbrauch, Verachtung, Wut und Hass war ich in Naumburg konfrontiert. Ein täglicher Kampf ums Überleben hatte begonnen. Die kriminellen Gefangenen ließen die politischen spüren, wie sehr man sie hasste. Auch, weil sie für den späteren Freikauf vorgesehen waren, in den Westen kamen.

Nach 32 Jahren bin ich wieder nach Naumburg gekommen, um den Ort wiederzusehen, an dem ich und viele andere eingesperrt und misshandelt wurden. Der stellvertretende Bürgermeister öffnete mir die Türen. Vieles war umgebaut. Aber die Arrestzellen, Arbeitsbaracken konnte ich immer noch finden. Die Blutlachen hatte man sorgfältig aus dem alten Parkett geschrubbt, aber ich konnte sie riechen. Nach einer Weile des Rundgangs wurde alles wieder wach in mir. Es war ein trauriger und schmerzlicher Blick in meine Vergangenheit. Miserables Essen, ständige Kälte, Anordnungen über Lautsprecher, prügelnde Wärter, angetrunkene Offiziere, die sich Erzieher nannten, Kettenarrest, Demütigungen, kriminelle Gefangene, die sich brutal ihr Recht verschafften, ein Zahnarzt, der mir ohne Narkose einen Zahn herausbrach, weil für Verräter der schönen Deutschen Demokratischen Republik kein Geld mehr ausgegeben wurde, wir uns dann im Westen behandeln lassen sollten.

DDR - eine geheuchelte Demokratie

Zum Glück war ich nach 32 Jahren nicht allein an diesem Ort. Damals und auch heute noch kann ich es nicht glauben, wie menschenverachtend das System der SED-Diktatur war. Das Predigen von humanistischen Werten war ein Deckmäntelchen für geheuchelte Demokratie. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns, so das Motto der Herrschenden. Feindlich-negative Kräfte wie mich musste die Staatssicherheit zersetzen. An diesem Nachmittag war ich zutiefst aufgewühlt. Die Sonne schien, malerische Wolken standen am Himmel. Friedlich war es in Naumburg und wären da nicht meine alten seelischen Narben wie auch die sichtbaren, würde man wohl niemals ahnen, was an diesem zentrumsnahen Ort stattgefunden hat. Naumburg hatte mein junges Leben völlig verändert.

Isolation, Karzer, Schlafentzug

Als ich nach meinem Rundgang gerade das alte Gefängnis verlassen wollte, rief mich ein älterer Herr zurück, der vom stellvertretenden Bürgermeister auf mich aufmerksam gemacht worden war. Er fragte, ob ich noch einige Minuten Zeit für ihn hätte. Professor Friedrich Kloeppel, der Mitinitiator der Ausstellung zur „Düsseldorfer Malerschule“ im Schwurgerichtsgebäude, hatte Interesse an meiner Geschichte. So kamen wir ins Gespräch. An unserem Tisch befand sich ein weiterer Herr, den ich der Kunstausstellung zurechnete. Etwas später musste ich ihn dann aber doch fragen, wer er sei. Der Herr räusperte sich, stellte sich vor. Erzählte von seinem Wirken und dem historischen Ort. Schwurgericht Naumburg. Ab dem Jahr 1980 war er im Strafvollzug tätig. Zwei Jahre als Erzieher. Dann in der Verwaltung. Als Ausbilder der Wärter.

Ich musste wohl etwas bleich geworden sein, aber ich fragte sogleich nach meinen Peinigern aus dieser Zeit. All die Namen waren ihm bekannt. Er kannte den Vollzugsleiter und die Offiziere, die sich Erzieher nannten und für die Misshandlungen von Gefangenen verantwortlich waren. An die niedrigeren Dienstränge, die Wärter, konnte er sich nicht mehr so genau erinnern. Aber später konnte ich dann auch noch erfahren, dass dieser Herr auch immer gerufen wurde, wenn es Selbstmordversuche oder Selbstmorde gab, um die Angelegenheit zu bereinigen. Er leitete auch die Einsatzkommandos, wenn Gefangene zu maßregeln waren. Major Döhler sollte wohl noch leben, aber er sei nicht mehr so ganz richtig im Kopf. Da musste ich stutzen. Wollte da der eine den anderen decken? Nach so vielen Jahren immer noch verschleiern? Merkte ich hier den Zusammenhalt der ehemaligen Genossen? Was heißt, nicht mehr so ganz richtig im Kopf? Ein Leutnant hatte sich erhängt, nachdem er wegen der vielen Misshandlungen von Gefangenen angeklagt worden war. Ein anderer Offizier hatte sich auch ebenfalls erhängt, erfuhr ich.

Ich war erschüttert, von all diesen Menschen wieder zu hören. Der Herr musste sich dann etwas beeilen, weil er ja Rundgänge und Vorträge im vorderen Teil des Zuchthauses anbot. Das wollte ich erleben und hören, wie ein Mensch nach so vielen Jahren über den Haftort und sein Leben berichtet.

Der Vortrag ernüchterte mich. Er beinhaltete viel über die Geschichte des historischen Gebäudes, von ersten Häftlingen, von hingerichteten Kommunisten. Die Zeit der DDR wurde fast gänzlich ausgeklammert. Von politischen Gefangenen und Misshandlungen war nicht die Rede. Zwangsarbeit für Ikea und andere Unternehmen wurde auch nicht erwähnt. Nach 1989/90 hatten die Beamten westliches Recht dazu lernen müssen, aber sonst hatten sie ja alles drauf, um einen Strafvollzug zu führen. Ich traute meinen Ohren nicht. Obwohl der Herr den genauen Ort im Zuchthaus kannte, wo Menschen wie ich auf Eisenpritschen fixiert wurden, in eisiger Kälte tagelang ausharrten, im eigenen Urin und Kot liegend, ohne Essen, Quälereien der Wärter ertrugen, obwohl er davon wusste, kam davon kein Wort über seine Lippen.

Als die anderen Besucher den Wachturm erklommen, fragte mich eine Naumburgerin, ob das ganze Gebäude heute gezeigt würde. Ich musste das verneinen. Vielleicht war es auch gut so, denn meine Begehung und die gesagten Worte ließen mich noch vor Empörung stumm sein. Immer mehr drängten mich die Fragen, was war in Naumburg seit der revolutionären Wende geschehen? Aus dem ehemaligen Zuchthaus war eine Justizvollzugsanstalt geworden. Haben die Bürger von Naumburg niemals erfahren, dass zu DDR-Zeiten vor ihrer Haustür politische Gefangene einsaßen, Menschen gefoltert wurden? Wollten oder wollen Sie es nicht wissen?

Der Übergang vom DDR-Zuchthaus zu einer bundesrepublikanischen JVA war nahtlos. Durch Geiseldrama und Ausbrüche rückte das Gefängnis in den Mittelpunkt der öffentlichen Kritik. 2012 wurde es geschlossen. Seit einigen Jahren soll das Gebäude verkauft werden. Bei der Begehung des Zuchthauses in Naumburg wurde mir sehr schnell klar, dass dieser Bau ein Erinnerungsort werden muss. Nicht nur, um den zu Unrecht Eingesperrten Verhör zu verschaffen. Dieser Ort muss auch eine Versöhnung erfahren. Sollte ein Wahrzeichen für Frieden sein und menschliche Werte, sollte Bildungsstätte werden für junge Menschen. So könnte er zukunftsweisend sein.

Hallo Naumburger, wird es nicht Zeit diesem düsteren Ort ein gutes Antlitz zu geben, indem Ihr die Menschen ehrt, die Leid erfahren mussten, und indem Ihr Räume schafft für Eure Jugend, die aufrechtgehend und historisch gebildet verhindern kann, dass so etwas jemals wieder passiert?

Burgenland-Journal Monatliches Magazin mit Reportagen, dem Dorfreport und Geschichten zum Welterbe.

                                                                                                                                                      

Eine Kooperationsveranstaltung der

Initiative Erinnerungsort Gefängnis Naumburg

und des

Museumsvereins Naumburg

mv-naumburg.de

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